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Ausbruch aus Endlosschleife

Der Titel darf durchaus als Wunsch in Richtung Pandemie-Politik verstanden werden und verweist gleichzeitig auf das Prinzip Pubertät. Jenes Prinzip also, das gegen das konservierte Gestrige rebelliert und uns so vor dem ewig Gleichen bewahrt. Was aber, wenn dessen Protagonistinnen und Protagonisten „eingesperrt“ sind? Eine Betrachtung unter dem Eindruck persönlicher Erfahrungen.

Während des ersten Lockdowns habe ich es noch als Luxusproblem abgetan und stirnrunzelnd die Solidaritätsfrage gestellt, wenn sich meine Teenager-Kinder über mangelnden Kontakt mit ihrer Peergroup beschwert haben. Auch das Homeschooling versuchte ich betont optimistisch als ein Experiment zu sehen, das die Selbstständigkeit fördern und bestenfalls sogar mehr „Lernen nach Interessen“ ermöglichen würde. Wohl der Zweckoptimismus einer kritischen Schulsystem-Beobachterin, aber um eine Bildungsdiskussion geht es mir an dieser Stelle nicht. Viel eher möchte ich eine Lanze brechen für eine Gruppe, die Gefahr läuft, in dieser „unendlichen (Pandemie-)Geschichte“ vergessen bzw. übersehen zu werden: die Gruppe der Jugendlichen. Ihre Zermürbung, ihr Missmut und ihre Unsicherheit wachsen und das darf uns als Gesellschaft nicht egal sein. Ich möchte eine Lanze brechen explizit für jene Jungen – und das sind viele –, die weder Corona-Partys feiern noch sich ansonsten den Maßnahmen groß entgegenstellen. Für jene also, die in ihren Zimmern hocken – wenn sie denn ein eigenes haben – und dort im digitalen Dauermodus ihr Dasein fristen. Nein, ich empfinde es längst nicht mehr als ein Luxusproblem oder Hysterie, wenn meine eigentlich aufgestellte, sehr selbstständige aber im virtuellen Homeschooling-Socialmedia-und-Netflix-Gemenge unterzugehen drohende Tochter unter Tränen gesteht, sie sei innerlich komplett leer. Wundert das? Nach 21 Wochen Distance Learning – seit Mitte März 2020 gerechnet? 21 unstrukturierten Wochen mit Lernstoff-Bandagen, die eigentlich nicht „einfach mal so“ von der Tafel aus via Kamera herunterdoziert werden können? Potenzen, Wurzeln und Logarithmen: Das klingt nicht nach einem Wohlfühl-Webinar for Beginners, das ich mir gemütlich auf der Couch reinziehen kann. Mehr nach „friss oder stirb“. Viele Lehrer*innen geben bestimmt ihr Bestes, manche auch nicht. Aber wie dem auch sei, nach fünf, sechs, sieben Stunden Bildschirmunterricht kann der Lehrer die Eulersche Zahl purzelbaumschlagend im plüschenen Einhornkostüm erläutern und es bleibt dunkel im gezoomten Klassenzimmer.

Manch einer mag an dieser Stelle einwerfen: Sie – die Jugendlichen – müssen eben raus, einen Ausgleich schaffen, Sport machen, sich gesund ernähren, Strukturen aufbauen ... Ja, mein Gott, sich halt ein bisschen am Riemen reißen. Stimmt alles – ein bisschen – und habe ich auch schon so oder so ähnlich meinen Teenagern ans Herz gelegt. Die Gegenargumentation ist mächtig und lässt sich unter einen Begriff subsumieren: Pubertät. Pubertät ist kein Honiglecken. Pubertät ist vielmehr: Smoothie denken, Schokolade essen – am besten schon zum Frühstück. Pubertät ist auch: beim Blick in den Spiegel den Mut verlieren. Die Freundin mehr mögen als sich selbst. Den Weg des geringsten Widerstands gehen. (Da kommt zwischen Bett und WC manchmal nicht viel an gelaufenen Metern zusammen.) Pubertät ist Liebeskummer, Weltschmerz, Übertreibung oder auch: Meinung, Rebellion, Unverfälschtheit. Die große Suche nach der eigenen Identität. Nicht wir Eltern sind dabei die ideale Reisebegleitung. Es sind Ihresgleichen: Die Schokobergeesser*innen, die Pickelausdrücker*innen, die „Ich-Seh-Heut-Voll-Scheiße-Aus“-Behaupter*innen. Aber eben auch: die Neudenker*innen, die Unverbogenen, die Weltretter*innen. Ja, in Bewegung zu bleiben, das ist wichtig, da hat der Herr Kogler schon recht. Doch wer – vor allem als Jugendliche – nicht vor Corona bereits die Sportart seines Gefallens gefunden hat, der oder die wird das auch ganz sicher nicht im Lockdown tun. Unter anderem auch, weil es gar keine Angebote mehr gibt.

Erinnern wir uns an unsere eigene Jugend. Es mag lange her sein, aber ich für meinen Teil weiß bis heute nur zu genau, wie wichtig Freunde, Ausgehen und die Auseinandersetzung mit neuen Sichtweisen und Haltungen, die sich von jenen aus der Herkunftsfamilie unterscheiden, waren. Denn genau das ist und kann doch Pubertät: Nicht das ewig Gleiche fortzusetzen, sondern Brüche einzufordern – selbst wenn’s nur um andere Musik oder einen Jeans-Schnitt geht, wie wir ihn die letzten 20 Jahre nicht getragen haben. Die Philosophin Nathalie Knapp formuliert es so: „Pubertierende leben für die Kunst mit dem höchsten Schwierigkeitsgrad: Die Kunst eine eigene Identität zu finden, eine eigene Peergroup, eine eigene Kultur, ein eigenes Leben. Und sie machen ihre Sache sehr oft sehr gut. Sie verbinden sich mit Menschen aus ihren eigenen Generationen, um außerhalb der Familie Geborgenheit zu finden und schließlich selbst die nächste Generation hervorzubringen. Die Pubertät ist die Voraussetzung für die Entwicklung einer Gesellschaft. Jugendliche entdecken ein Leben, an dem ihre Eltern nicht mehr auf dieselbe Weise teilhaben und das sie deshalb auch nicht mehr auf dieselbe Weise beurteilen können. Ohne ihre Rebellion müssten wir in einer Endlosschleife dieselben Lieder hören, dieselben Kostüme tragen und dieselben Geschichten reproduzieren. Wir wären gefangen in unserem eigenen Stück.“  Welch‘ triste, öde Vorstellung!

Man ist hin- und hergerissen. Ich zumindest. Ich will nicht emotional übersteuert in das Lamento gegenüber rigorosen Einschränkungen einstimmen und wenn ich es doch tue, dann zerstäubt sich die Schuldfrage in der Luft – und vermengt sich sogleich unheildrohend mit den potenziell infektiösen Aerosolpartikeln. Was tut man nicht alles, was vor einem Jahr noch undenkbar war! Für das eine Ziel, dass die Mortalitätsrate runter- und die Lebendigkeit wieder raufgeht. Gleichzeitig muss man zwischendurch auch mal die Hände verwerfen und ganz laut ‚geht’s noch‘ sagen dürfen. Nicht so recht wissend, an wen man den Frust überhaupt adressieren soll. Den Frust darüber beispielsweise, dass es den Jugendlichen seit einem Jahr verwehrt ist, „ihr eigenes Stück zu entwickeln“. Gegenwärtig sind sie, wie wir wohl alle zusammen, in derselben Story gefangen – open ended, jeder Akt eine neue Belastungsprobe.

Nicht allein für einen besser funktionierenden Wissenstransfer müssen sie „so schnell es geht“ (wie relativ und nichtssagend diese Formulierung geworden ist) zurück an die Schulen, sondern vor allem, damit ihnen zumindest dieser soziale Raum wieder offensteht. Sie sind gerade fremdbestimmter und eingesperrter als die meisten von uns und mucken nur deshalb nicht auf, weil sie keine Stimme haben. So wie sie sich um die wirtschaftlichen Folgen dieses Supergaus kümmern müssen, sobald sie in die Arbeitswelt eintauchen werden, so muss es uns kümmern, wie es ihnen gerade geht. „Wir werden gemeinsam mit unseren Träumen eingesperrt.“ titelt im O-Ton einer Jugendlichen eine aktuelle, vorarlbergweite Umfrage zu „Jugend & Corona“. Durchgeführt hat sie das Koordinationsbüro für Offene Jugendarbeit und Entwicklung, teilgenommen haben 1500 Jugendliche und die Ergebnisse (https://www.koje.at/ergebnisse-der-umfrage-jugend-corona-wir-werden-gemeinsam-mit-unseren-wuenschen-eingesperrt/) fordern uns auf, hinzuhören. Vielleicht können wir ihnen gerade keine Partys und Clubbings anbieten, aber zumindest unser Ohr und das Gespräch auf Augenhöhe. 

Zum Schluss der Humor. Unsere Tochter, die im philosoph’schen Sinn nach Knapp ein Leben ohne uns Eltern längst entdeckt und mögen gelernt hat und in unseren mitunter kontrovers geführten Tischgesprächen unter Beweis stellt, dass wir manches „nicht mehr so recht beurteilen“ können, diese Tochter entwickelt jedenfalls schon eine Art Stockholm Syndrom. Sie gibt uns Einblicke in die You-tube-Influencer-Welt, spielt mit uns Karten, lässt uns nun öfter teilhaben an ihren Gedanken über Rassismus und Genderpolitik, Frisurentrends und vorteilhafte Hosenschnitte. Als bliebe ihr nichts anderes übrig, als sich mit uns zu verbünden, um die Misere besser zu ertragen. Das darf mit Augenzwinkern und heiterem Unterton verstanden werden, denn das Mutterherz kann dieser Art der Verbündung natürlich viel abgewinnen. Schiebt sie doch das Loslassen etwas nach hinten. Ein klitzekleiner Lockdown-Punkt auf der Haben-Seite. Meine Tochter wird es naturgemäß etwas anders sehen. Und will vor allem eines: Sich frühmorgens auf den Schulweg machen, die „Freiheit Schule“ wieder genießen.

Erstveröffentlichung: marie, Februar 2021